Was nur wenige wissen: Den Bonn Gamecocks verdanken wir persönlich sehr viel. Am 02.05.2015 haben Nick und ich unser erstes Spiel gemeinsam fotografiert. Dabei war es zunächst nicht so geplant, denn eigentlich wollte ich den Klassiker in der GFL2: Bonn Gamecocks gegen die Bielefeld Bulldogs fotografieren. Damit Nick auch mit an die Sideline konnte, machten sie uns den Vorschlag:“ ...wir hängen Nick einfach eine Kamera um.“ Der Rest ist Geschichte. Das Spiel hat uns beide begeistert, denn es war eines der spannendsten Spiele überhaupt, an deren Ende ein 35:35 stand. Mittlerweile ist viel passiert: So ist das Herrenteam vor zwei Jahren aus der GFL2 abgestiegen und befindet sich seitdem im Umbruch. In der Vereinsführung sind Veränderungen vollzogen worden. Für uns eine gute Gelegenheit, sich ausgiebig mit den Gamecocks zu beschäftigen. Marcus Gastmann, den ersten Vorsitzenden der Bonner, konnten wir für ein Interview gewinnen. Marcus ist darüber hinaus auch Stadionsprecher und spielte American Football in der Zeit von 2003 bis 2004. Hiernach ging er vom Feld an die Sideline. Fortan war er als Coach tätig. Diese Aufgabe führte er bis 2011 aus und coachte er bis in der GFL2.

Marcus Gastmann - Bildmitte (Foto: Oliver Jungnitsch)Marcus Gastmann (Bildmitte) beim letzten Spiel der Herrenmannschaft in 2019.  (Foto: Oliver Jungnitsch)

Oliver von FandS: Marcus, vielen Dank für deine Zeit, dann lass uns mal beginnen. In der Recherche zu unserem Gespräch habe ich folgendes herausgefunden: Bonn ist die größte deutsche Stadt, aus der noch nie ein Verein in der Fußballbundesliga spielte. Wenn man als Ortsfremder an amerikanische Sportarten und Bonn denkt, dann fällt einem zunächst der Basketball ein. Wie bist Du zum American Football gekommen?
Marcus Gastmann: Jetzt muss ich direkt zu Beginn schonmal reingrätschen – Vorreiter für amerikanischen Sport sind in Bonn tatsächlich die Baseball-Spieler der Bonn Capitals, die eingerahmt von zwei Vizemeisterschaften 2018 Deutscher Meister geworden sind. Die sind also die verdienten Platzhirsche im Bonn. Ich selber habe früher viel NFL und NFLEurope geschaut bzw. hatte Dauerkarten für Rhein Fire, und dann probiert man es halt selber aus. Erst an der Uni Köln, und dann bei den Gamecocks, als sie gerade 2003 wieder in den Spielbetrieb eingestiegen sind. Ansonsten bin ich auch noch ein wenig bei den Fußballern vom Bonner SC tätig, auch wenn der Aufstieg in die Bundesliga sicherlich noch etwas dauern wird.

Oliver: Meines Wissens spielt der Bonner SC, wie ihr, in der Regionalliga. ... und ich habe wieder etwas gelernt, denn die Bonn Capitals kannte ich nicht. Zurück zum Football: Lange Zeit war von den Bonn Gamecocks wenig zu lesen, so war die Homepage längere Zeit nicht gepflegt. Mit dem letzten Heimspiel ist sie wieder in Betrieb genommen worden. Mir ist seitdem eure Aktion „#WirSindDieGamecocks“ positiv aufgefallen. Wie ist die Aktion entstanden und was ist euer Ziel beziehungsweise eure Absicht damit?

Marcus: Die Homepage hatte sich leider ein wenig zum negativen Running Gag entwickelt, und dann kam auch noch die DSGVO dazu – das war nicht einfach. Außendarstellung ist einfach für jeden Verein wichtig, und die haben wir jetzt wieder erreicht, wie ich finde. #WirSindDieGamecocks ist eigentlich ganz einfach. Wie es auch in einigen Bereichen des öffentlichen Lebens passiert, ist der Verein in den letzten Jahren trotz hohem Einsatz der Verantwortlichen etwas in eine „Nehmermentalität“ abgerutscht, und das gemeinsame Vereinsleben hat schon etwas gelitten. Das wollten wir wiederaufleben lassen, und was gibt es schöneres als ehrenamtliche Gamecocks vorzustellen, die mit viel Lust und Einsatz für den Verein in ihrer Freizeit tätig sind. Ich arbeite lieber mit positiven Beispielen und motivierten Menschen als mit leeren Versprechungen, und dazu passt die Kampagne.

Oliver: Da kann ich dir nur beipflichten! Ein Verein lebt von den ehrenamtlichen Helfern. Bei euch ist aber fast alles im Umbruch, so gibt es Veränderungen in der Organisation und Struktur, bei der Spielstätte und eine )sportliche Neuausrichtung. Lass uns alles einmal einzeln betrachten und mit der Struktur beginnen. Was hat sich geändert und warum war es notwendig?
Marcus: Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass die Verantwortung auf zu wenigen Schultern gelegen hat. Das führt dann irgendwann zu einer Überlastung und Stillstand in einigen Bereichen, trotz hohem Einsatz der Beteiligten. Wir sind da auch auf keinen böse, aber es war einfach eine Abwärtsspirale, die sich kaum aufhalten ließ. Eine Firma mit 300 Angestellten wird auch nicht von zwei, drei Leuten betreut, und so geht es auch nicht in Sportvereinen – denn so groß sind wir. Dadurch reifte jetzt der Plan, deutlich mehr Menschen in die Verantwortung zu nehmen, die dann je nach Motivation und Kompetenz einzelne Aufgaben übernehmen. Für den durchaus komplexen Bereich „Datenschutz/DSGVO“ haben wir zum Beispiel gerade frisch zwei ehemalige Gamecocks-Spieler gewinnen können, die dienstlich mit dem Thema arbeiten und uns punktuell unterstützen können. Klar kenne ich das Thema auch und kann bzw. muss mich natürlich etwas einlesen, aber wenn ich es an Experten delegieren kann, macht es meinen Job natürlich einfacher. Und ich kann auch als Fan oder Elternteil dem Verein helfen, auch wenn ich vom Football wenig Ahnung habe – nicht jeder muss direkt Coach werden, um seinen lokalen Lieblingsverein zu unterstützen.
 
Oliver: Für mich ist Bonn leider etwas weit entfernt, aber welche „Jobs“ könnte ich bei euch antreten, wenn ich z.B. Football-Fan, ehemaliger Spieler oder Elternteil bin und helfen möchte, aber nicht unbedingt zum Coach tauge? 
Marcus: Wir suchen alles und jeden: vom Pädagogen oder Berufsberater für unsere Jugendspieler auf der Schwelle in die Arbeitswelt, Grafikdesigner die Spaß an Gestaltung haben, einen Integrationsbeauftragten für die Integrationsarbeit im Verein, einen Marketing-Manager, Sponsorbeauftragten, Chronisten, Teammanager, fleißige Helfer für die Coaches, Social Media-Betreuer, Fotografen, Homepage-Administrator … und noch viel viel mehr. Das sind dann alles in allem natürlich Themen, die im Vorstand angesiedelt sind, aber wo sich nicht immer die gleichen zwei, drei Leute den Kopf drüber zerbrechen müssen. So kann sich jeder einbringen, und wenn jemand mit spannenden neuen Themengebieten kommt und den Verein unterstützen will, dann hören wir gerne zu. ESports? Karnevalszug? Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit? Wer sich einbringt, ist willkommen. Geht auf unsere Homepage: www.gamecocks.de und sucht euch etwas aus.
 
Oliver: Das klingt durchaus ambitioniert, aber so etwas geht nicht von heute auf morgen.

Marcus: Nein, auf keinen Fall, trotz aller positiver Stimmung die gerade herrscht. Aber wenn es nach mir geht, gehen wir Anfang 2022 mit einer nachhaltigen Organisation in die Saison, und können uns dann auch wieder sportlich ambitionierte Ziele setzen. Und wenn wir bis dahin noch keinen Fanbeauftragen haben, der sich um ein Rahmenprogramm bei Heimspielen kümmert, dann gibt’s halt im Stadion nicht viel außer gutem Football; und wenn bis dahin kein Chronist am Start ist, bleibt der Wikipedia-Eintrag halt so wie er ist, bis ich ggf. Zeit zum Aktualisieren finde. Das Ganze läuft sehr transparent, so dass wir alle wissen, wo unser Verein steht - und jeder kann mitmachen.
 
Oliver: Du hast mir gerade ein gutes Stichwort gegeben: guter Football. Wie bewertest Du die abgelaufene Saison? 
Marcus: Soweit, so gut. Die Herren hatten im Laufe der Saison verletzungsbedingt etwas Schwierigkeiten, haben sich aber berappelt und mit viel Einsatz die letzten Partien bestritten. Die Mannschaft ist wahnsinnig jung, wird die nächsten 1-2 Jahre noch deutlich reifen, um dann irgendwann auch wieder höhere Ziele anzustreben. Das passt alles zum langfristigen Zeitplan des Vereines.
 
Oliver: Die U19 startete in der GFLJ, der höchsten Spielklasse der Jugend. Wie lief es hier?
Marcus: Die U19 hatte ein hartes Jahr, da das Niveau in der Junior GFL wahnsinnig hoch ist. Mit den Crocodiles, Düsseldorf wie auch Paderborn sind Teams mit tollen Jugendkonzepten am Start, mit denen wir aktuell nicht mithalten konnten, weder organisatorisch noch finanziell. Es war aber bewundernswert, mit welchem Einsatz und welcher Hingabe die Spieler wie auch die Coaches gearbeitet haben, und wir gehen mit erhobenem Haupt eine Liga tiefer und holen neuen Schwung.
 
Oliver: Die Bonn Gamecocks haben auch noch jüngere Spieler. Was gibt es hier zu berichten?
Marcus: Die U16 hatte eine gute und ausgeglichene Saison, und wir konnten viele talentierte Spieler zu Auswahlmannschaften bis hin zur Nationalmannschaft entsenden. Das zeigt, dass wir Talente gut ausbilden, auch wenn wir nicht immer in der obersten Liga mitspielen. Diesen positiven Trend nehmen wir gerade in der U16 gerne mit. Und die U13 hatte ein sehr erfolgreiches Jahr, und musste sich erst am letzten Spieltag von Platz 1 verdrängen lassen. Die U13 bauen wir nächstes Jahr aber quasi neu auf, da die Mannschaft im letzten Jahr fast komplett aus dem ältesten Jahrgang bestand. Daher gibt es 2020 eine tolle Kooperation mit den befreundeten Rheidter Black Ravens, mit denen wir eine Spielgemeinschaft bilden. Und besondere stolz und froh bin ich dieses Jahr auch über unsere Anzahl an Coaches. Ich kann es nicht ganz zu 100% beweisen, bin mir aber ziemlich sicher, dass wir mit einer Anzahl von zwei Dutzend Coaches in der Jugend und im Seniorenbereich einen Rekord für die Gamecocks aufstellen können.
 
Oliver: In dieser Saison gibt es noch ein weiteres Team und damit habt ihr zumindest mich überrascht. 
Marcus: Ohja, die Bonn Gamecocks Ladies haben für eine große Überraschung gesorgt, und wir freuen uns, eine fast fertige Mannschaft im Verein begrüßen zu können. Es wird 2020 für den Spielbetrieb noch nicht reichen, wir sind aber mit den Gamecocks gut mit anderen Damenteams vernetzt und hoffen neben guten Training einige Events anbieten können. Herren-Teams gibt es in der Region inzwischen auch sehr viele, Damenteams aber südlich von Köln erstmal kaum. Das wollen wir natürlich nutzen und schauen mal, wie weit wir in den nächsten 1-2 Jahren kommen. Wichtig wäre hier der Zugang von Coaches, die ausschließlich für die Ladies zuständig sind – bitte gerne melden.
 
Oliver: In der Vergangenheit gab es auch eine Abteilung für das Cheerleading. Wird das die nächste Überraschung sein?
Marcus: Die Cheerleader sind noch ein anderes Thema, und wir verfolgen den Erfolg unserer alten Truppe, die inzwischen bei Deutschen Meisterschaften starten, immer noch. Hier gilt der oben schon gesagte Grundsatz: Wir suchen natürlich Leute, die sich dem Thema annehmen wollen, aber gerade das ist ein Thema, was man unbedingt mit guter Organisation und viel Einsatz angehen muss. Und solange das nicht der Fall ist, haben wir halt keine eigene Truppe – allerdings kann es dieses Jahr zu Gastauftritten in der Saison kommen, von daher ist das Thema nicht weit weg. Solange unser Stadion noch im Umbau ist, müssen wir auch unsere Events wahrscheinlich etwas runterschrauben müssen.
 
Oliver: Das Stadion Pennenfeld wird aktuell umgebaut. Gibt es da schon neue Informationen? 
Marcus: Unser Pennenfeld wird seit Sommer 2019 umgebaut und verkleinert. Die Tribüne bleibt, es wird grüner als vorher, und mit einer modernen Laufbahn und neuem Rasen wird es sicherlich schön werden – ein Flutlicht kann auch einiges an Qualität bringen. Solange spielen wir bis zu den Sommerferien in der alten Heimat, im Wasserlandstadion, und sind bei unseren neuen Freunden von Fortuna Bonn zu Gast. Idealerweise starten wir dann in die Rückrunde nach den Ferien wieder in der Heimat, wenn baulich nichts dazwischen kommt.
 
Oliver: Nordrhein-Westfalen ist ein Ballungsraum für Footballvereine, besonders auch in Bonn und Umgebung. Was macht die Bonn Gamecocks besonders und warum sollte ich mich für euch entscheiden?
Marcus: Eine schwierige Frage, denn unsere Vereinsvision werden wir in den nächsten 1-2 Jahren auch neu schärfen müssen. Ein familiäres Umfeld war uns als Verein immer wichtig, und das wird auch so bleiben. Wenn Herrenspieler sich wohlfühlen, Coaches gerne an der Seitenlinie stehen, Jugendspieler stolz auf den Verein sind, Eltern sich beteiligen können und ehemalige Spieler aus 32 Jahren Gamecocks-Erfahrung sich einbringen wollen, um unseren (!) Verein weiter zu bringen, dann haben wir einiges erreicht und können stolz auf unser Ergebnis sein. Das ist so meine persönliche Vision, dass unsere Mitglieder sagen: „Ja, das ist MEIN Verein. Ich bin ein Gamecock, wir sind die Gamecocks“.

Oliver: Wir sind auch irgendwie Gamecocks, zumindest im Herzen. Vielen Dank für die ausführlichen und ehrlichen Antworten. Wir werden uns sicherlich in diesem Jahr auf und um das  Gridiron sehen.  

Das Interview mit Marcus Gastmann, dem 1. Vorsitzenden der Bonn Gamecocks führte Oliver Jungnitsch von Fands.pics. Wer weitere Informationen über den Verein sucht findet sie auf der Homepage: www.gamecocks.de oder auf Facebook: https://www.facebook.com/BonnGamecocks/.

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