Michael Zyweck ist ein ehemaliger Nachbar von uns. Schon immer war er sehr aktiv und machte neben seiner normalen Arbeit etwas, was andere komplett ausfüllen würde. Erst spät erfuhren wir von ihm, dass der entscheidend an dem Aufbau der Gelsenkirchen Devils beteiligt war. Heute ist er in der Lokalpolitik von Herne sehr aktiv und warf mit uns einen Blick auf die mögliche Entwicklung des Footballs. Ein Blick von außen, der uns überraschte!

Michael Zyweck war der erste Pressesprecher und Gründer der Gelsenkirchen Devils bei uns im "Black Hole". (Foto: Oliver Jungnitsch)Michael Zyweck war der erste Pressesprecher und Gründer der Gelsenkirchen Devils. Hier bei uns im "Black Hole" - unserem Party- und Fernsehkeller. (Foto: Oliver Jungnitsch)

Michael ist immer unterwegs und Interviewerfahren. Dabei ist es egal, ob es sich um Zeitung, Radio oder TV handelt, denn er ist Sprecher der Herner SPD Fraktion im Mobilitätsausschuss, der auch das Thema „Digitalisierung“ enthält. Bevor wir ihm eine Frage stellen, zieht er eine Karte aus seinem Portemonnaie: seine Visitenkarte, die er in der Zeit als Pressesprecher der Gelsenkirchen Devils nutze. Dabei macht er uns aufmerksam und sagt: „Achtet bitte auf die Postleitzahl. Das ist noch eine vierstellige Postleitzahl, denn ich bin Gründungsmitglied der Devils“.  Er wurde zwar nicht in der Gründungsurkunde erwähnt, dennoch ist er seit den ersten Tagen des Vereines dabei. Michael berichtet von damals: „1992 ging es los. Über einen Freund, der einen Autohandel besaß, erfuhr ich, das drei Leute einen Footballverein gründen wollen. Da mich das interessiert hat, habe ich mir das angesehen. Ich habe mich sofort in den Sport verliebt! Die ersten Devils sind von den ehemaligen Herner Ravens gekommen. Kurioserweise war das erste Spiel der Gelsenkirchen Devils, was an der Oststraße in Gelsenkirchen stattgefunden hat, gegen die Herner Ravens. Das Spiel haben wir deutlich verloren.“ 

Michaels Aufgabe bei den Devils war es, den Verein bekannt zu machen und er führt aus: „Wir haben zu der Zeit „Bundle-Aktionen“ gemacht. Dabei zahlst du einen kleinen Beitrag Eintritt, hast aber schon eine Wurst dabei. Wir konnten Interviews im Radio geben. Für unsere Heimspiele konnten wir einen erfahrenen Stadionsprecher gewinnen. Er hat den Zuschauern erklärt was auf dem Platz passiert, das war sehr wichtig. Dabei hat er jeden Spielzug erklärt, denn es kannte keiner das Spiel.“

Gerade in der Anfangszeit hatte der Verein es schwer, Trainingsplätze zu bekommen. Gelsenkirchen ist eine Fußball Stadt und die zuständigen Stellen dachten, dass die Footballer den Rasen zerstören. Es ging sogar so weit, dass Spiele bei den geringsten Wetter Einflüssen in den ersten beiden Jahren abgesagt wurden. Hier war es auch egal, was der Verein an Rahmenprogramm bereits auf die Beine gestellt und auch im Vorfeld bezahlt hatte.  „Einmal haben wir es sogar mit dem Verteilen von Handzetteln und Freikarten geschafft, über 1.000 Zuschauer an einem Spieltag begrüßen zu dürfen“, berichtet er weiter.

 

In der Anfangszeit gab es Spiele vor mehr als 1.000 Zuschauer und einen Auftritt im Parkstadion

Gelsenkirchen Devils beim Schalke 04 (Foto: Martin Meißner)Gelsenkirchen Devils beim Schalke 04 (Foto: Martin Meißner)

Zu dieser Zeit war der American Football auf dem Wege die zweit beliebte Sportart zu werden. Fast hätten man damals die Schalker Haie (Eishockey) von dieser Position verdrängt. Hier nutze er jede Chance für Aufmerksamkeit. So gelang es ihm bei Schalke 04 in der Halbzeit ein Showtraining zu platzieren. Michael erinnert sich: „Es war ein Freitagabendspiel gegen Dynamo Dresden. Es waren 30.000 Zuschauer im Parkstadion. Beim Einlauf der beiden Mannschaften standen die Spieler der Devils Spalier und haben jeden einzelnen Fußballspieler abgeklatscht. In der Halbzeit hatten wir den Rasen für uns und konnten ein Showtraining durchführen. Das war geil!“.  Funfact: Der Rasen hatte doch etwas mehr gelitten, als es den Verantwortlichen lieb war und man durfte diese Aktion nicht wiederholen.

Heute hat der 49ers Fan kaum noch eigene Berührungspunkte zu den Footballvereinen. Als er nach 20 Jahren alte Fotos und Berichte den aktuellen Vorstand übergab, freute er sich, wie gut sich sein „Baby“ entwickelt hat. Als Herner verfolgt er auch die Aktivitäten der Herne Black Barons. 

 

Raus aus der Nische

Auf unsere Frage, was man von früher noch heute machen kann und was im Football nicht so gut läuft, überraschte er uns mit der folgenden Antwort: „Ich denke mal, es ist Zeit für den nächsten Schub. Die NFL denkt darüber nach Spiele nach Deutschland zu verlagern. Das machen die nicht ohne Grund. Du spürst da passiert jetzt etwas. Anhand der Zuschauer, die den Superbowl gesehen haben, merkt man wie ProSiebenMaxx den Sport nach vorne gebracht hat. Es gibt aber auch so ‚Hard-Core Fans‘ wie euch, die den Gamepass und noch mehr nutzen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es immer welche, die zusätzlich zur NFL auch den College Football verfolgen. Es werden immer mehr. Aber es ist immer noch eine kleine Nische, aber eine die sich lohnt. Da geht was! Ich glaube, was ein Fehler ist, dass die Footballfans dieses Wissen was sie besitzen, für sich exklusiv behalten zu wollen. Ich liebe den Sport, aber Leute wie auch ihr, die sind so tief in dem Thema drin, die kennen die Spieler, die Spielzüge, die Positionen. Ich glaube die Chance, dass Leute die sich kurz für den Football interessieren, überfordert werden von dem Wissen der ‚Hard-Core Fans‘. Klar diese Gruppe wird immer mehr, aber das wird nicht reichen. Die breite Öffentlichkeit erreicht man damit nicht. Man muss sich entscheiden, was man will. Wir haben früher Freikarten verteilt, dabei war uns klar, dass rund 80 % der Leute nichts von dem Spiel verstanden haben. Unsere Strategie war es eher, das Spiel als Event zu sehen. Wir haben neben dem Spiel unteranderem mit Bands geplant oder sonst etwas einfallen lassen, wie wir die Zuschauer unterhalten können. Man muss hier von den Amerikanern lernen und den Sport mit anderen Dingen verbinden, ansonsten wird der Football in der Nische bleiben. In meiner Zeit haben wir versucht über die den Stadionsprecher das Spiel mit den Spielzügen zu erklären und das auf eine charmante Art und Weise. Nicht von oben herab, sondern bewusst einfach. So kann man z.B. ein oder zweimal im Jahr eine Freikartenaktion machen. Geht dann stark auf die Presse zu und besorge sich möglichst eine lokale Band oder so etwas. Dann kann man noch bei den Preisen des Catering locken. Es sollte über die Masse gehen. Klar wird man an dem Spieltalg nichts verdienen, man bekommt vielleicht die Kosten herein. Wichtiger ist noch der Stadionsprecher, der auf eine einfache Art erklärt was dort unten auf dem Platz passiert. So zum Beispiel: 7 Yards sind bei dem letzten Versuch gemacht worden. Das war der 2. Versuch und das heißt, das Team hat noch 2. Versuche für 3 Yards. Einfache Basisinformationen! Da reicht die Zeit, in der das Setup gemacht wird. Die Allgemeinheit will nicht so tiefe Informationen. Der beste Zeitpunkt ist sicherlich vor der Saison. Zusätzlich würde ich z.B. Jugendspieler oder Coaches mit Warnwesten ausstatten, die als Volontäre für das Spiel agieren. Hier kannst du auch gute Werbung für interessierte Spieler oder Spielerinnen machen. Aber auch hier ist es wichtig, diese Leute nicht sofort mit Wissen zu überfrachten. Mein Sohn ist 15 Jahre und mittlerweile auch vom Football angefixt und weißt du wie es begonnen hat? Er fand die Logos der Teams gut. Das ist ganz anders als beim Fußball und der Zugang zum Football ist sehr individuell. Entweder willst du weiterhin, dass der Football und seine Fans unter sich bleibt oder du musst dich öffnen!“

 

Fanartikel aus der NFL bekommt man einfach, aus den deutschen Ligen nur schwer

Ein weiteres Problem sieht Michael in dem Vereinsdenken und der mangelndem Nutzung von Fanartikeln. Er beschreibt es so: „Es fehlt so ein bisschen der Unterbau in Deutschland. Du weiß ja, ich habe vor Jahren bei einen Kappenladen mitgemacht. Besser gesagt, es war der Laden meines Kumpels, der das immer noch macht. Er ist häufiger beim German Bowl. Wenn ich ihn frage, wie es dort war, ist seine Antwort: ‚Ja man kennt sich, denn da sind immer die gleichen Leute und die gleichen Mannschaften.‘ Auch hier bleibt man unser sich. Der deutsche Super Bowl findet fast immer mit den gleichen Mannschaften vor den gleichen Fans statt. Er ist das, was die anderen Vereine machen, nur eine Nummer größer. Es fehlt die Öffnung zur breiten Masse. Heute bekommst du aber über verschiedenen Kanäle Kappen, Trikots, T-Shirt und noch vieles mehr von den NFL Vereinen. Wie schwierig ist es aber ein T-Shirt vom deutschen Footballteam zu bekommen. Da siehst du die Diskrepanz. Wie brichst du das herunter? Man hat sich in den Vereinen gute Gedanken zu den Logos und Farben gemacht, schafft es aber nicht, sie zu vermarkten. Jeder macht es für sich allein. Hier liegt aber Potenzial! Aus meiner Sicht sollte man dies zentralisieren. Da muss der Verband mit Herstellern und Vereinen sprechen. Die Logos der deutschen Footballteams sehen cool aus und sprechen junge Leute an.  Auch hier verstehe ich nicht warum Läden oder Kneipen die Produkte der Clubs nicht anbieten. Hat mal einer mal nachgefragt, ob das geht. Wenn du nicht nachfragst oder es versuchst, dann hast du auch keine Chance es zu ändern. Lokal ist momentan total in. Wenn es ein Shirt von Barons oder Devils bei uns in Herne zu kaufen gäbe, ich würde es mitnehmen. Wenn du dann noch clever bist, dann machst du auf das Etikett einen QR-Code für die Club Homepage und vielleicht kannst du auch eine Freikarte für ein Spiel integrieren. Klar kann man manche Sachen auch über die Seiten der Vereine kaufen, aber das ist so einfach wie bei Amazon. Ich möchte die Sachen sehen, anfassen und mitnehmen!“

 

Vorteil nutzen

Zum Ende weist er auf andere Randsportarten hin, die auch keine große Aufmerksamkeit bekommen. So waren wir überrascht, als uns Michael erzählte, dass die Herner Damen im letztem Jahr Deutscher Meister im Basketball wurden. Oder auch das Eishockey bekommt keine breite Aufmerksamkeit. Dennoch hat der Football durch den Super Bowl, dem größtem Sportereignis der Welt, eine bessere Basis als andere Randsportarten. Man muss sie nur nutzen. Und Michael gibt den Tipp: „Plane und bewerbe einen besonderen Spieltag, wo viele neuen Leute kommen werden. Die müssen nicht nach Hause gehen und sagen: ich habe das Spiel verstanden, sie müssen sagen: ich hatte Spaß!“

 

Michael und wir sehen die Vorschläge und Tipps nicht als Musterlösung, sondern eher als Denkanstoß oder Diskussionsgrundlage. Michael Zyweck stand uns – Nick und Oliver Jungnitsch von NRW Football – zur Verfügung und zeigte uns den einen oder anderen „blinden Fleck“. Wir werden drüber nachdenken und auch anders handeln. Den Sport verändern können nur die, die den Football ausüben, trainieren, repräsentieren oder die Verantwortung dafür haben – macht was draus! 

Nick Jungnitsch und Oliver Jungnitsch von NRW Football / Fands.pics führten - unter Corona-Bedingungen - ein Interview mit Michael Zyweck (05.05.2021)